Was ist eine Cloud Kitchen? Definition, Konzept und Praxisguide

Cloud Kitchen einfach erklärt: Was steckt hinter Ghost Kitchens und Dark Kitchens? Definition, Unterschiede, Business Model

Cloud Kitchen einfach erklärt – in 3 Punkten

  1. Kein Gastraum: Eine Cloud Kitchen produziert ausschließlich für Lieferung und Abholung – kein Service, keine Tische, keine Laufkundschaft.
  2. 100 % digital: Bestellungen laufen über Lieferplattformen (Lieferando, Uber Eats, Wolt) oder einen eigenen Online-Shop.
  3. Niedrige Fixkosten: Durch den Wegfall von Gastraum, Service-Personal und A-Lage sinken Startinvestition und laufende Kosten erheblich.

Das Delivery-Only-Modell zählt zu den am schnellsten wachsenden Trends in der Gastronomie. Doch für wen lohnt sich ein Restaurant ohne Gastraum wirklich? Und welche operativen Herausforderungen warten? Dieser Guide gibt dir einen praxisnahen Überblick – von der Definition über das Business Model bis zu den konkreten Schritten für den Einstieg.

1. Definition: Was bedeutet Cloud Kitchen?

Der Begriff „Cloud Kitchen“ beschreibt eine gewerbliche Küche, die ausschließlich für die Auslieferung und Abholung von Speisen produziert. Es gibt keinen Gastraum, keine Tische, keinen Service. Die gesamte Kundeninteraktion läuft digital – über Lieferplattformen wie Lieferando, Uber Eats oder Wolt, oder über einen eigenen Online-Shop.

Der Name folgt der Logik von „Cloud Computing“: Die Infrastruktur existiert, aber der Endkunde sieht sie nicht. Genau wie du keinen Serverraum besuchst, wenn du eine App nutzt, betritt auch kein Gast die Küche einer Cloud Kitchen. International sind auch die Begriffe Ghost Kitchen, Dark Kitchen, Virtual Kitchen und Delivery-Only Kitchen gebräuchlich.

Einfach erklärt: Stell dir ein Restaurant vor, das nur aus Küche besteht. Kein Eingang für Gäste, kein Kellner, keine Speisekarte auf dem Tisch. Stattdessen: eine effiziente Produktionsstätte, die Essen kocht, verpackt und per Lieferdienst zum Kunden brin

2. Ghost Kitchen, Dark Kitchen, Virtual Kitchen – die Unterschiede

Die Begriffe werden im Alltag oft synonym verwendet, unterscheiden sich aber in ihrer Nuancierung:

Fazit: Ob Ghost Kitchen, Dark Kitchen oder virtuelles Restaurant – das Kernprinzip ist identisch: eine Küche, die ausschließlich für Lieferung und Abholung produziert.

3. Das Cloud Kitchen Business Model

Das Geschäftsmodell eines Delivery-Only-Restaurants unterscheidet sich fundamental vom klassischen Gastronomie-Ansatz. Hier sind die zentralen Bausteine:

Einnahmequellen

  • Lieferplattformen: Uber Eats, Lieferando, Wolt – Reichweite gegen Provision (typisch 15–30 %)
  • Eigener Online-Shop: Höhere Marge, aber eigener Kundenaufbau nötig
  • Catering & B2B: Mittagslieferung für Büros, Event-Catering als Zusatzgeschäft
  • Multi-Brand-Strategie: Eine Küche, mehrere virtuelle Marken – z. B. Bowls, Burger und Poke aus derselben Produktion

Kostenstruktur im Überblick

Multi-Brand: Eine Küche, viele Marken

Eines der stärksten Konzepte im Food Delivery Business ist die Multi-Brand-Strategie. Eine einzige Küche betreibt parallel mehrere virtuelle Marken, die sich Infrastruktur, Personal und Lager teilen. Jede Marke hat ihr eigenes Branding, ihre eigene Speisekarte und ihr eigenes Plattform-Profil.

Das Modell ist effizient – stellt aber hohe Anforderungen an die Bestandsführung. Wenn drei Marken aus demselben Lager arbeiten, muss der Verbrauch pro Marke klar zuordenbar sein. Sonst wird aus der Multi-Brand-Strategie schnell ein Kalkulationsproblem.

4. Delivery-Only vs. klassisches Restaurant

Wo Delivery-Only-Konzepte punkten

  • Schnellerer Start: In Wochen statt Monaten operativ – keine aufwändige Gastraumgestaltung nötig
  • Niedrigere Fixkosten: Weniger Fläche, weniger Personal, keine A-Lage erforderlich
  • Skalierbarkeit: Neue Standorte oder Marken lassen sich vergleichsweise schnell hinzufügen
  • Datengetrieben ab Tag 1: Jede Bestellung ist digital – Analyse und Optimierung sind sofort möglich

Wo klassische Restaurants stärker sind

  • Gästeerlebnis: Atmosphäre und persönlicher Kontakt sind nicht digital ersetzbar
  • Markenbindung: Stammgäste entstehen leichter durch persönliche Beziehungen
  • Höhere Margen: Kein Provisionsabzug durch Lieferplattformen, starker Getränkeumsatz (oft 70 %+ Marge)
  • Flexibilität bei Schwund: Tagesgerichte aus Restbeständen, spontane Empfehlungen – im Delivery-Geschäft kaum möglich

Hybridmodelle als Zukunft: Viele erfolgreiche Betriebe kombinieren beide Welten: ein klassisches Restaurant mit Gastraum plus eine oder mehrere virtuelle Marken, die aus derselben Küche zusätzlichen Umsatz generieren – besonders außerhalb der Stoßzeiten.

5. Vorteile und Nachteile einer Cloud Kitchen

Vorteile

  • Geringe Startinvestition: 20.000–80.000 € vs. 100.000–500.000+ € für ein Restaurant ohne Gastraum
  • Standort-Flexibilität: Gewerbegebiete, Hinterhof-Küchen oder Kitchen-as-a-Service-Spaces – kein A-Lage-Zwang
  • Schnelles Testen: Neue Gerichte, Marken oder Konzepte können in Tagen gelauncht und validiert werden
  • Fokus auf Produktion: Kein Gastraum-Management, kein Service-Training – voller Fokus auf Küche und Qualität

Nachteile

  • Plattform-Abhängigkeit: Lieferplattformen nehmen 15–30 % Provision und kontrollieren die Kundenbeziehung
  • Kein Gastronomieerlebnis: Emotionale Kundenbindung ist ohne persönlichen Kontakt deutlich schwieriger
  • Qualitätsverlust beim Transport: Nicht jedes Gericht übersteht 20–30 Minuten Lieferzeit ohne Einbußen
  • Verpackungskosten: Nachhaltige Verpackungen sind teuer, aber für die Markenwahrnehmung unverzichtbar
  • Präzise Warenwirtschaft notwendig: Ohne Gastraum als Puffer (Tagesgerichte, spontane Empfehlungen) muss der Bestand exakt stimmen

6. So startest du eine Cloud Kitchen: Schritt für Schritt

Schritt 1: Konzept und Zielmarkt definieren

Was willst du anbieten? Für wen? Delivery-Kunden bestellen anders als Gäste vor Ort. Bewährte Konzepte im Food Delivery Business sind Bowls, Burger, Wraps, Curry und Poke – Gerichte, die sich gut verpacken und transportieren lassen.

Schritt 2: Küchenmodell wählen

  • Eigene Küche: Gewerbefläche anmieten und einrichten – volle Kontrolle, höhere Investition
  • Kitchen as a Service: Mietküche (Shared Kitchen) mit geteilter Infrastruktur – niedrige Einstiegskosten, weniger Flexibilität
  • Bestehende Küche umfunktionieren: Dein Restaurant außerhalb der Stoßzeiten oder eine Cateringküche nutzen

Schritt 3: Genehmigungen und Hygiene

Auch ein Restaurant ohne Gastraum unterliegt denselben Lebensmittelhygiene-Vorschriften: HACCP-Konzept, Belehrung nach Infektionsschutzgesetz (§43), Gewerbeanmeldung, ggf. Abnahme durch das Gesundheitsamt. Plane dafür 4–8 Wochen ein.

Schritt 4: Lieferplattformen einrichten

Registriere dich bei mindestens zwei Plattformen für Reichweite. Investiere in professionelle Food-Fotos – im Delivery-Geschäft kaufen Kunden mit den Augen, bevor sie bestellen.

Schritt 5: Speisekarte für Delivery optimieren

Teste, welche Gerichte nach 20–30 Minuten Transport noch gut aussehen und schmecken. Reduziere auf deine stärksten 15–20 Positionen – weniger ist im Delivery-Geschäft fast immer mehr.

Schritt 6: Bestandsführung und Prozesse aufsetzen

Bevor du live gehst, brauchst du klare Prozesse für Einkauf, Lager und Inventur. Das ist der Punkt, an dem viele Delivery-Only-Konzepte scheitern: Sie starten mit Bauchgefühl statt mit Daten. Richte von Anfang an eine strukturierte Bestandsführung ein – ob über ein spezialisiertes Inventur-Tool, ein Warenwirtschaftssystem oder zumindest über eine sauber gepflegte Tabelle.

Quick-Start Tipp: Starte schlank: Eine Marke, 15 Gerichte, ein Lieferpartner. Erst wenn Küche, Lager, Bestellung und Auslieferung sitzen, skalierst du auf weitere Marken und Plattformen.

7. Wareneinsatz und Bestandsführung: Der entscheidende Erfolgsfaktor

Wenn es einen Bereich gibt, der in Delivery-Only-Konzepten über Erfolg oder Scheitern entscheidet, dann ist es der Wareneinsatz. Der Grund: Ohne Getränkeumsatz und ohne Möglichkeit, Restbestände spontan als Tagesgericht zu verkaufen, schlägt jeder verlorene Euro im Einkauf direkt auf die Marge durch.

Die spezifischen Herausforderungen

  • Mehrere Marken, ein Lager: Ohne saubere Zuordnung ist die Kalkulation pro Brand unmöglich
  • Offene Gebinde überall: Angebrochene Soßen, halbe Packungen, offene Gewürzbehälter – nicht einfach scannbar
  • Zeitdruck: Zwischen Mittagspeak und Abendproduktion bleiben oft nur 30–45 Minuten für die Zählung
  • Wechselndes Personal: Das Inventur-System muss intuitiv genug sein, dass jeder es bedienen kann
  • Mehrere Lagerorte: Kühlschrank, Trockenlager, Prep-Station, Verpackungslager – alles muss abgebildet sein

Wareneinsatz-Formel für Delivery-Only-Betriebe

Wareneinsatz (%) = (Anfangsbestand + Einkäufe – Endbestand) ÷ Umsatz × 100

Saubere Inventurdaten sind die Grundlage für Anfangs- und Endbestand – ohne sie ist die Formel wertlos.

Typische Delivery-Only-Betriebe zielen auf einen Wareneinsatz von 26–32 %. Durch die Standardisierung der Gerichte ist eine präzisere Steuerung möglich als in klassischen Restaurants – aber nur mit regelmäßiger, verlässlicher Inventur.

Welche Tools helfen bei der Bestandsführung?

Der Markt bietet verschiedene Ansätze für Food Cost Control und Inventur in der Gastronomie:

  • Spezialisierte Inventur-Tools: Fokus auf F&B-Realität: offene Gebinde, Slider-Eingabe, Stichtags-Workflows. Beispiele: BarBrain, Supy, Apicbase
  • Warenwirtschaftssysteme: Umfassendere Lösungen mit Einkauf, Rezeptmanagement und Kalkulation. Beispiele: MarketMan, Lightspeed Restaurant
  • Kassen-integrierte Lösungen: POS-Systeme mit Inventur-Modul – oft weniger tief, aber dafür nahtlos integriert
  • Excel / Google Sheets: Für den absoluten Start machbar, aber ab 50+ Artikeln kaum noch wartbar
Häufiger Fehler: Viele Gründer investieren viel in Plattform-Präsenz und Marketing, aber sparen bei der Warenwirtschaft. Das Ergebnis: Der Umsatz wächst, die Marge nicht – weil niemand weiß, wo die Kosten tatsächlich liegen.

8. Marktdaten: Zahlen, Wachstum und Trends

Der Markt für Delivery-Only-Konzepte wächst rasant – angetrieben durch verändertes Konsumverhalten, steigende Delivery-Nachfrage und die Suche nach kosteneffizienten Gastronomie-Modellen.

Globale Marktgröße

Der globale Markt wurde 2024 auf rund 73–78 Milliarden USD geschätzt und soll bis Anfang der 2030er-Jahre auf über 140–190 Milliarden USD anwachsen – je nach Quelle mit jährlichen Wachstumsraten (CAGR) von 9,5–12 %.

Quellen: Grand View Research (73,2 Mrd. USD, 2024), IMARC Group (78,1 Mrd. USD, 2024), Market Data Forecast (74,2 Mrd. USD, 2024)

Markt in Deutschland und Europa

Europa ist ein wachsender Markt mit regionaler Fragmentierung. Deutschland ist laut mehreren Analysten der am schnellsten wachsende europäische Markt für Delivery-Only-Konzepte, mit einem Marktvolumen von rund 3,9 Milliarden USD (2025) und einer prognostizierten Verdreifachung auf ca. 10,1 Milliarden USD bis 2034.

Quellen: IMARC Group – Germany Cloud Kitchen Market (3,9 Mrd. USD, 2025); Virtue Market Research – Europe Cloud Kitchen Market (DE mit 20 % Marktanteil, schnellstes Wachstum)

Trends, die den Markt prägen

  • Hybrid-Modelle: Restaurants ergänzen ihr Angebot durch virtuelle Marken aus der bestehenden Küche
  • Kitchen Pods: Modulare Kücheneinheiten, die sich schnell aufstellen lassen – das am schnellsten wachsende Subsegment
  • Nachhaltigkeit: Verpackung und Lieferlogistik werden zum Differenzierungsfaktor für Markenwahrnehmung
  • Daten als Wettbewerbsvorteil: Betriebe, die Wareneinsatz, Bestellmuster und Food Costs datenbasiert steuern, skalieren profitabler

Konsolidierung: Große Player wie Kitopi, Rebel Foods und CloudKitchens (Travis Kalanick) dominieren zunehmend die Infrastruktur

Fazit: Cloud Kitchens sind mehr als ein Trend

Das Konzept der Cloud Kitchen geht weit über eine reine Delivery-Küche hinaus. Es ist ein fundamental anderes Geschäftsmodell für Gastronomie – leaner, datengetriebener und skalierbarer als der klassische Ansatz. Aber auch mit eigenen Herausforderungen: Plattform-Abhängigkeit, fehlender Kundenkontakt und die Notwendigkeit, Wareneinsatz und Bestände präzise zu managen.

Wer eine Cloud Kitchen erfolgreich betreiben will, braucht neben einem starken Konzept und gutem Essen vor allem eins: Kontrolle über die Zahlen. Und das beginnt bei einer sauberen, regelmäßigen Inventur – dem Fundament für Kalkulation, Einkauf und Wirtschaftlichkeit.

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